Vom Krieg zur Demokratie – und ein Leben für die Menschlichkeit: Zeitzeugengespräch mit Frau Ruth Kühn
Geschichte wurde an unserem Berufskolleg für einen Vormittag lebendig: Zu Gast war am vergangenen Donnerstag die Zeitzeugin Ruth Kühn, die vor Schülerinnen und Schülern verschiedener Klassen aus ihrem bewegten Leben berichtete. Etwa 50 Jugendliche hatten sich freiwillig für die Veranstaltung angemeldet – aus Interesse an Geschichte, aber auch, weil sie Parallelen zwischen vergangenen und aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen sehen.
Frau Kühn zeigte sich beeindruckt von den vielen jungen Menschen, die ihr aufmerksam zuhörten. Offen und nahbar erzählte die 1937 in Hannover geborene Seniorin von ihrer Kindheit während der NS-Zeit und des Zweiten Weltkriegs. Ihre Familie gehörte keiner Partei an, sei aber stets politisch interessiert gewesen, berichtete sie.
Bevor Frau Kühn von ihren persönlichen Erinnerungen sprach, ging sie kurz auf die gesellschaftlichen Entwicklungen ein, die damals den Aufstieg der Nationalsozialisten begünstigten: unter anderem hohe Arbeitslosigkeit, Inflation und die große Unzufriedenheit vieler Menschen mit der Politik jener Zeit waren einige der Faktoren, die sie nannte. Gerade diese Einordnung machte deutlich, wie schnell gesellschaftliche Krisen demokratische Strukturen ins Wanken bringen können.
Besonders eindringlich wurden ihre Schilderungen, als sie von ihren Kindheitserlebnissen erzählte. Während ihrer Schulzeit gehörten Fliegeralarme zum Alltag. Immer wieder mussten die Kinder den Unterricht verlassen und Schutz suchen. Eine Klassenkameradin sei damals in einem nahegelegenen Löschteich ertrunken – ein Erlebnis, das sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt habe.
In Hannover, so berichtete Frau Kühn, habe es während des Krieges unzählige Bombenalarme gegeben. Oft harrten die Menschen stundenlang in Bunkern aus. Manchmal seien sie anschließend hinausgekommen und hätten feststellen müssen, dass ganze Straßenzüge oder Stadtviertel zerstört worden waren.
Eindringlich erinnerte die Zeitzeugin außerdem daran, wie groß die Angst der Menschen gewesen sei. Wer etwas sagte, das der Regierung missfiel, konnte plötzlich „abgeholt“ werden. Es sei schrecklich gewesen, nicht frei sagen zu dürfen, was man denke.
Das Kriegsende 1945 bedeutete für Frau Kühn und ihre Familie deshalb vor allem eines: Erleichterung. Endlich konnten Kinder wieder draußen spielen, ohne ständig Fliegeralarm befürchten zu müssen. Doch die schwierigen Jahre waren damit noch lange nicht vorbei. Als die Familie nach Siegburg, die Heimatstadt des Vaters, zurückkehrte, war das Elternhaus bereits mit ausgebombten Familien belegt – für sie selbst gab es dort keinen Platz mehr.
Schließlich zog Frau Kühn zunächst zu Verwandten nach Neuwied. Rückblickend betonte sie immer wieder, wie wichtig der familiäre Zusammenhalt in dieser Zeit gewesen sei. Man habe sich gegenseitig geholfen und gemeinsam versucht zu überleben. Um über die Runden zu kommen, sei „gehamstert“ worden; auch Schnaps habe man gebrannt, um ihn gegen Lebensmittel eintauschen zu können.
Besonders gut erinnert sich Frau Kühn an die Euphorie rund um die Verkündung des Grundgesetzes durch Konrad Adenauer 1949 und die damit einhergehende Gründung der Bundesrepublik. Deutschland sei demokratisch geworden, und viele Menschen hätten gespürt, dass es wieder aufwärtsgehen könne. Gerade daraus leitete sie ihre wichtigste Botschaft an die jungen Zuhörerinnen und Zuhörer ab: Demokratie sei niemals selbstverständlich. Mit Blick auf aktuelle Entwicklungen in Deutschland und der Welt warnte sie davor, sich von einfachen Antworten und hohlen Versprechungen mancher Politiker blenden zu lassen. Junge Menschen müssten sich mit Politik beschäftigen und aufmerksam bleiben.
Mit Gründung der Bundesrepublik ging es auch bei der Familie von Ruth Kühn weiter aufwärts. Frau Kühn berichtete von der Gründung des väterlichen Handwerksbetriebs 1950 in Siegburg, ihrer eigenen Mitarbeit im elterlichen Unternehmen und ihres späteren Studiums sowie der daran anschließenden Tätigkeit als Lehrerin.
Im Anschluss an die Schilderungen von Frau Kühn hatten die Schülerinnen und Schüler Gelegenheit, eigene Fragen zu stellen – und davon machten sie ausgiebig Gebrauch. Eine Frage bezog sich etwa auf die aktuelle Diskussion um die Wehrpflicht. Frau Kühn erklärte dazu, dass sie bis heute immer gegen Krieg gewesen sei. Gleichzeitig halte sie es jedoch für wichtig, dass ein Land sich verteidigen könne und nach außen Stärke zeige.
Andere Schülerinnen und Schüler wollten wissen, wie die Menschen die langen Stunden während der Luftalarme in den Bunkern verbrachten. Wieder andere fragten nach dem Holocaust und ob den Menschen damals wirklich nicht bewusst gewesen sei, was mit den jüdischen Nachbarn geschah. Frau Kühn schilderte die große Angst in Deutschland vor und während des Krieges, offen über bestimmte Themen zu sprechen. Viele Menschen hätten Vermutungen gehabt, doch freie Informationen seien kaum zugänglich gewesen.
Noch viele weitere interessierte Fragen wurden gestellt, bevor die Gesprächsrunde zu Ende ging. Deutlich spürbar war dabei, wie aufmerksam die Schülerinnen und Schüler den Erzählungen der Zeitzeugin gefolgt waren.
Auf Wunsch der Jugendlichen fand anschließend noch ein gemeinsames Frühstück statt, zu dem alle etwas beigetragen hatten. In entspannter Atmosphäre ließen die jungen Leute und begleitende Lehrkräfte die Eindrücke des Vormittags noch einmal Revue passieren.
Das Zeitzeugengespräch machte eindrucksvoll deutlich, dass Geschichte nicht nur aus Zahlen und Daten besteht, sondern aus menschlichen Schicksalen. Daher wird es den Beteiligten sicher noch lange in Erinnerung bleiben.
Die gelungene Veranstaltung fand in Kooperation mit der lokalen Initiative „Siegburg zeigt Haltung“ statt, die ebenfalls mit einem Vertreter vor Ort war. Initiiert und moderiert wurde das Gespräch von Belinda Wahl, die als Lehrkraft am Berufskolleg unterrichtet.
